LIMBUS
Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft /
Australian Yearbook of German Literary and Cultural Studies
Vorwort
Die germanistische Literatur– und Kulturwissenschaft hat an den Globalisierungsprozessen teil, denen unsere (post–, spät–) modernen Gesellschaften allgemein unterworfen sind. Zum Ausdruck kommt dies nicht zuletzt in einer immer dichteren Vernetzung der Fachöffentlichkeiten über die tradierten nationalen Grenzen hinweg. Ist eine solche Vernetzung für die Profilierung akademischer Disziplinen generell unerlässlich, so muss dies im speziellen für die Germanistik in einem Land wie Australien gelten, aus dessen geostrategischer Lage sich die Selbstverständlichkeit einer starken germanistischen Forschung nicht in gleicher Weise ergibt, wie man sie für den deutschsprachigen und den geographisch unmittelbar angrenzenden sowie über enge politische Bande mit ihm verknüpften europäischen Raum voraussetzen darf. Trifft diese Diagnose zu, so resultiert aus ihr das Erfordernis, die australische Germanistik fachöffentlich in einer Weise zu profilieren, die der beschriebenen Lage Rechnung trägt. Sinnvoll erscheint in diesem Zusammenhang die Verfolgung einer Doppelstrategie. Zum einen gilt es, die in Australien geleistete Forschung in den diversen Foren einer sich globalisierenden Fachöffentlichkeit zu präsentieren. Dies geschieht seit jeher. Zum anderen erscheint es aber auch geboten, in Australien ein Forum dieser Fachöffentlichkeit anzusiedeln. Ein solches Forum wird ab diesem Jahr Limbus bieten. Intendiert ist damit freilich weder eine Eingrenzung auf bestimmte Themenfelder (wie interkulturelle Germanistik, Migrationsliteratur oder Diasporaforschung), noch soll Limbus lediglich den in Australien tätigen Germanisten vorbehalten sein – beides würde der Tendenz zur Globalisierung zuwider laufen. Angeboten werden soll dem internationalen germanistischen Diskurs vielmehr ein Forum, das nicht nur den Anspruch Australiens auf Repräsentanz in der germanistischen Fachöffentlichkeit markiert, sondern überdies dazu beiträgt, jene überkommene, angesichts der Globalisierungsprozesse zunehmend unhaltbar erscheinende Polarität von Zentrum und Peripherie zu überwinden. Wenn nämlich der Begriff der Globalisierung in den Wissenschaften eines bezeichnet, dann ist dies der sich beschleunigende Vorgang einer Entortung des Wissens selbst. Im Prozess einer Globalisierung des Wissens wird der „Limbus“ (lat. „Rand“) mehr und mehr zum allgemeinen Ort, wird die Dezentrierung allgemein. Figuriert in Dante Alighieris Epos Die Göttliche Komödie der „limbus partum“ durchaus in diesem Sinne als der Ort, an dem die Dichter, Philosophen und Wissenschaftler aus vor– und außerchristlichen Kulturen auf Erlösung warten, so erlangt „Limbus“ damit in einem der Portaltexte der modernen Literatur den Status eines Topos – eines Topos, in dem sich die Lage des Wissens in seinen wechselnden Formationen darstellt und reflektiert. Der kanonischen Auffassung indes, der zufolge „Limbus“ den leeren Ort bezeichne, seit Christus durch seinen Abstieg in das Reich der Toten die ohne eigenes Verschulden von der Gottesnähe Ausgeschlossenen in den Himmel geführt habe, wird ein säkulares Zeitalter kaum mehr folgen wollen; oder zumindest dürften die Antworten auf die Frage, welcher Ort als der leere Ort zu gelten hat, kontrovers ausfallen.
Das Thema des ersten, hier vorliegenden Bandes lautet „Erinnerungskrisen / Memory Crises“ – ein Thema, welches das Rahmenkonzept „Limbus“ insofern aufnimmt, als die Frage nach der Möglichkeit einer Rückkehr in die verlorene Zeit die Frage nach dem leeren Ort variiert. Dabei basieren die präsentierten Aufsätze auf einer Auswahl jener Vorträge, die im Rahmen der letztjährigen Tagung der German Studies Association of Australia in Melbourne gehalten worden sind. Für die folgenden Jahrgänge 2009 und 2010 stehen die Themenschwerpunkte ebenfalls schon fest. 2009 wird sich Limbus den „Narrativen der Arbeit / Narratives of Work“ widmen; 2010 soll das Thema „Nach der Natur / After Nature“ diskutiert werden.
Danken möchten wir an dieser Stelle zunächst den Kolleginnen und Kollegen, die sich freundlicherweise bereit erklärt haben, uns bei der Etablierung des neuen Jahrbuchs als Wissenschaftlicher Beirat zur Seite zu stehen. Es sind dies Jane K. Brown (University of Washington), Alan Corkhill (The University of Queensland), Jürgen Fohrmann (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), Ortrud Gutjahr (Universität Hamburg), Ulrike Landfester (Universität St. Gallen), Sara Lennox (University of Massachusetts), Peter Morgan (The University of Western Australia), Stefan Neuhaus (Universität Innsbruck), Rolf Günter Renner (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br.), David Roberts (Monash University), Ritchie Robertson (The University of Oxford) und Norbert Christian Wolf (Freie Universität Berlin). Sodann danken wir dem Rombach-Verlag für die Aufnahme von Limbus ins Programm und vor allem der Cheflektorin des Verlags Edelgard Spaude für die großartige Betreuung des Projekts von der ersten Minute an.